Geschichte des August Bebel Instituts

In den ersten Jahren nach seiner Gründung residierte das August-Bebel-Institut im Haus am Grossen Wannsee, wo mehrtägige Schulungen für SPD-Mitglieder abgehalten wurden.

Bei den ersten Gesamtberliner Wahlen nach dem Krieg im Oktober 1946 konnte die SPD einen eindeutigen Sieg verbuchen. Sie erzielte in den Westsektoren 51,6 %, in den Ostsektoren 43,6 % und lag dort weit vor der SED (29,9%).

Das bedeutete die Übernahme von Führungsverantwortung in fast allen der 20 Berliner Bezirke und sehr viele Mandate in den Bezirksversammlungen und Bezirksämtern. Die SPD hatte zwar auch einen erheblichen Mitgliederzuwachs zu verzeichnen – sie hatte 1948 mehr als 50.000 Mitglieder – zum größten Teil waren diese neuen Mitglieder aber aus Bevölkerungskreisen zur SPD gekommen, denen sozialdemokratische Traditionen und Grundwerte bisher fremd gewesen waren. Dies galt im besonderen für jüngere Menschen. Die Frage der Qualifizierung für die Arbeit in den kommunalen Gremien der Partei und anderer Organisationen wurde immer drängender.

So wurde am 25. März 1947 das August-Bebel-Institut gegründet. Seine zunächst einzige Aufgabe war die Schulung von Funktionären. Gründer der gemeinnützigen Stiftung waren vier sozialdemokratische Verlage, für die 5 Persönlichkeiten standen.

Auch heute noch sind von diesen in Erinnerung: Erich Leczinsky, der Begründer des Spandauer Volksblatts, Arno Scholz, der Herausgeber des Telegraf und Dr. Otto Suhr, damals Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung und späterer Regierender Bürgermeister. Die August-Bebel-Schule im Haus am Großen Wannsee wurde kurz darauf eröffnet. In der Villa, die heute Gedenkstätte ist, hatte die Elite des SS-Staates 1942 die »Endlösung der Judenfrage« beschlossen. Diese Vorgeschichte des Gebäudes war 1947 zwar bekannt, aber nicht im Bewußtsein. Das Haus war, im amerikanischen Sektor gelegen, seit 1945 von der amerikanischen Besatzungsmacht genutzt worden und wurde dem ABI zu äußerst günstigen Konditionen zur Verfügung gestellt.

Das ABI beginnt sofort mit der Schulungsarbeit, die im Internatsbetrieb durchgeführt wird. Die Teilnehmer kommen für 5 Tage aus der zerstörten Stadt in das Schulungsheim, wo für Verpflegung und Unterkunft gesorgt ist. Wichtig ist, daß die Teilnehmer ihre Lebensmittelkartenabschnitte mitbringen. Ansonsten ist der Aufenthalt spottbillig.

Erwähnt wird immer wieder die angenehme Atmosphäre des Arbeitens in dem schönen Haus mitten im Grünen: ein Erlebnis für alle, die so einmal aus dem städtischen Ruinenfeld entweichen können. Auf dem Lehrplan stehen »Marxismus als Methode«, Geschichte, Wirtschaft, Demokratie und Totalitarismus und Parteienlehre. Es werden Sonderkurse zur Geschichte der Arbeiterbewegung, zu philosophischen Themen oder zum Thema Bolschewismus angeboten, sowie Frauenkurse und Rednerkurse. Die Liste der Lehrer jener Zeit verzeichnet große Namen, die Prominentesten seien genannt: Prof. Otto Suhr, Prof. Ernst Reuter und Prof. Carlo Schmid. Es wird beklagt, daß 5-Tages-Kurse, aber auch 12-Tages-Kurse noch zu kurz seien, später versucht man sich an Monatskursen. Die Rekrutierung der Teilnehmer ist zunächst kein Problem: die Institutsleitung kann sogar auswählen. Besonders intensiv ist der Besuch von Genossen aus den Ostbezirken.

Die Währungsreform bedeutet eine Zäsur für die Arbeit im Wannseeheim. Das Institut gerät aufgrund völlig neuer Konstellationen in eine Krise, die schließlich Anfang 1952 zur Aufgabe des Internatsbetriebs führt. Den Stiftern geht das Geld aus, die Verlage können keine Mittel mehr für das ABI abzweigen. Die Bevölkerung macht sich ans Geldverdienen und kauft viel weniger Zeitungen.

Auch läßt das Interesse der Funktionäre an Schulungen nach. Die von der Berliner SPD kreierten Bildungsfondsmarken, pro Quartal 0,60 DM, werden nur von etwa 50 % der Mitglieder erworben. Sie sollten für den Lohnausfall einen Ausgleich für die Teilnehmer finanzieren. Zunächst helfen amerikanische Stellen aus. Doch auch diese Quelle versiegt schnell. Die 6.000 DM für die laufenden Monatskosten für das Haus lassen sich nicht mehr zusammenkratzen. Man versucht die Öffnung für andere Nutzer, auch für bundesweite Schulungen. Die Hoffnung zerschlägt sich. Angebote an SPD und Gewerkschaften werden von diesen nicht angenommen. Der Grund vor allem: die Reisekosten, wohl aber auch die Schikanen auf den Transitwegen. Angesichts der hohen und wachsenden Arbeitslosigkeit wagen es Arbeitsplatzbesitzer nicht mehr, sich für 1 bis 2 Wochen für politische Bildung vom Arbeitsplatz beurlauben zu lassen. Auch Arbeitslose lassen sich für die Kurse nicht gewinnen. Zeit haben sie wohl, aber die Motivation?

Die Nachfrage läßt also nach, kostendeckendes Wirtschaften ist nicht mehr möglich, Zuschüsse fließen nicht mehr. So wird die Entscheidung unausweichlich, das schöne Haus aufzugeben und auf Internatskurse ganz zu verzichten. Das Mobiliar wird an den Nutzungsnachfolger für ganze 15.000 DM veräußert. Das Bezirksamt Neukölln richtet ein Schullandheim ein. Das ABI zieht zum Parteivorstand in die Schöneberger Ziethenstraße und versucht sich an Abendkursen. So endet die Erfolgsstory der ersten Jahre, an die erst wieder 1989 angeknüpft werden kann.

Text: Reinhard Gericke (1939–2000)