»Afrikanisches Viertel« | Projekt | Gedenkobjekte | Vorträge & Diskussionen | Wünsche | Projektbeteiligte

 

Do. 8. November 2012, 18–20 Uhr
Erinnern im » Bayerischen « und im » Afrikanischen Viertel«
Mit Petra Zwaka, Leiterin der Museen Tempelhof-Schöneberg

Seit 1993 existiert im »Bayerischen Viertel« in Berlin-Schöne­berg die Denkmal-Installation »Orte des Erinnerns«. Die 80 Schilder, die an Laternenmasten angebracht sind, erinnern an die Entrechtung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung des Viertels. Jede der Tafeln fasst eine gesetzliche Grundlage für die Ausgrenzung zusammen und verweist zugleich auf einen Ort im Viertel, der damit zusammenhängt. Dass die Post 1940 Juden und Jüdinnen die Telefonanschlüsse kündigte, erfährt man beispielsweise in der Nähe einer Postfiliale.

Petra Zwaka, die den Prozess der Einrichtung des Denkmals mit historischen Recherchen unterstützt hat, stellte das Denkmal, den Weg dorthin sowie dessen Rezeption vor. Vor dem Hintergrund der Pläne für einen »Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel« erschienen den Anwesenden, zu denen einige Personen – Schwarze wie Weiße – gehörten, die an der kolonialismuskritischen Aufarbeitung der Geschichte des »Afrikanisches Viertels« beteiligt sind, insbesondere zwei Punkte diskussionswürdig:

Historische Ereignisse & konkrete Orte
Was für das Denkmal in Schöneberg bemerkenswert ist – der enge Bezug zwischen den Ereignissen, an die das Denkmal erinnert, und konkreten Orten im Viertel – scheint für das »Afrikanische Viertel« zunächst kaum realisierbar. Tatsächlich erinnern Stadtführungen und Bildungsprojekte bisher vor allem an Ereignisse, die nicht im Viertel selbst, sondern an anderem Ort, meist auf dem afrikanischen Kontinent stattfanden.

Aus dem Publikumsgespräch gingen aber bald Anregungen für konkrete Ortsbezüge hervor: So bezeugt der 1939 benannte »Dauerkleingartenverein Togo e.V.« besonders deutlich, dass kolonialistische Ideen nicht nur Staatsangelegenheit waren, sondern in der deutschen Bevölkerung einen ganz konkreten, lokalen Niederschlag fanden. Auch scheint es lohnenswert, im ehemals »Roten Wedding« Spuren von Verbindungen zwischen Institutionen der Arbeiterschaft (z.B. Arbeiterbildungsvereinen) und kolonialistischen Veranstaltungen zu recherchieren, die für andere Orte bekannt sind.

Wessen Geschichte wird erinnert?
Das Denkmal im »Bayerischen Viertel« rückt bewusst die Handlungen der Täter_innen in den Mittelpunkt: Es sind ihre Gesetze und ihre Verfolgungspraxis, die abgebildet werden. Nicht bei allen stieß diese Entscheidung auf Gegenliebe. So bemerkte eine jüdische Anwohnerin Mitte der 1990er Jahre, dass sie es als »Zumutung« empfinde, bei ihren alltäglichen Wegen auf »die Banalität des Schreckens deutscher Geschichte« zu treffen. Für das »Afrikanische Viertel« ergibt sich aus solchen Berichten die Mahnung, bei der Gestaltung des Erinnerungsorts die Perspektive von Menschen zu integrieren, die von kolonialer Geschichte und ihren Nachwirkungen betroffen sind, konkret: von Menschen mit Rassismuserfahrungen und insbesondere von Schwarzen Menschen.

 

Do. 15. November 2012, 18–20 Uhr:
Wie soll meine Straße heißen? Straßenumbenennungen in München und Berlin
Mit Joshua Kwesi Aikins, Aktivist in der Berliner dekolonialen »Straßeninitiative«, und Siegfried Benker, ehem. Fraktionsvorsitzender der Grünen / rosa liste im Münchner Stadtrat

Die Frage, auf welche Weise sichergestellt werden könne, dass Afrikanische Communities eine maßgebliche Rolle in der Gestaltung von kolonialismuskritischen Vorhaben erhalten, dominierte an diesem Abend die Diskussion.

Zunächst allerdings berichtete Siegfried Benker, der 2003 in München die Umbenennung der Straßen im »Kolonialviertel« im Ortsteil Trudering forderte, von dem langen Weg vom Antrag im Stadtrat über jahrelangen erbitterten Widerstand bis hin zur 2007 erfolgten Umbenennung zunächst einer Straße: der Von-Trotha-Straße in Hererostraße. Joshua Kwesi Aikins schloss mit einem Abriss über die Berliner Debatte um Straßenumbenennungen an – von Forderungen zu Beginn der 2000er Jahre, über Widerstand und die 2009 erreichte Umbenennung des Kreuzberger Groeben-Ufers in May-Ayim-Ufer, bis hin zur Errichtung einer historischen Info-Tafel im »Afrikanischen Viertel« im Jahr 2011.

Erinnerung dekolonisieren – Afrikanische Communities einbeziehen
Aikins holte aber auch aus, um auf einige nachhaltige Wirkungen von Kolonialismus hinzuweisen, konkret darauf, dass Kolonialismus die Erfahrungen und Perspektiven vieler Kolonisierter und ihrer Diasporen unterdrückt habe. Eine der aktuellen Herausforderungen bestünde darin, diese nachhaltigen Beschädigungen im Nachdenken über kolonia­lismuskritische Gedenkorte auszugleichen. Kritisch fragte Aikins bei Benker nach, wer die kommentierenden Schilder in Münchens »Kolonialviertel« verfasse und wer an der Auswahl des neuen Straßennamens beteiligt gewesen sei. Er forderte, dass an solchen Prozessen die Afrikanische Diaspora mit ihren vielfältigen Stimmen – in Deutschland sowie in den ehemals kolonisierten Staaten – beteiligt sein müsse. Konkret könne das bedeuten, Akteure in Namibia in die Suche nach neuen Namenspatron_innen für Straßen einzubeziehen. Die konzep­tionelle Einbeziehung der Afrikanischen Diaspora sei eine wesentliche Voraussetzung, um eine Dekoloni­sierung – nicht nur eine Postkolonialisierung – der Erinnerung zu gewährleisten.

Die darauf folgende Diskussion verlief kontrovers: Einzelne verwiesen darauf, dass die Beteiligung an Prozessen wie jenen in Berlin und München nach dem demokratischen Mehrheitsprinzip geregelt sei, so dass diejenigen, die Interesse an Mitsprache hätten, sich schlicht in politische Gremien wählen lassen sollten. Andere, insbesondere Schwarze Teilnehmende, entgegneten, dass der Zugang zu politischen Ämtern vielen Menschen, insbesondere Schwarzen Menschen, aufgrund von institutioneller Diskriminierung nur begrenzt offen stünde. Ihre Beteiligung müsse deshalb durch andere Instrumente garantiert werden.

 

Do. 22. November 2012, 18–20 Uhr
Verdeckte Geschichten sichtbar machen
Mit Aischa Ahmed, Projekt »Vergessene Biografien«, Franziska Ehricht, Miphgasch/Begegnung e.V., Sharon Dodua Otoo, Vorstand Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V.

Die dritte Begleitveranstaltung ging über die Beschäftigung mit dem »Afrikanischen Viertel« und kolonialer Geschichte hinaus. Im Fokus standen Projekte, die historische Erfahrungen und Lebensgeschichten jenseits der Mehrheitsgesellschaft bekannter machen, konkret: historisches Erleben von Schwarzen Menschen, von Menschen arabischer und türkischer Herkunft in Deutschland bzw. im Kontext »deutscher Geschichte«. Warum sind diese in der Öffentlichkeit unterrepräsentierten Geschichten wichtig? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Abends.

Die Referentinnen stellten drei Projekte vor: die Ausstellung »Homestory Deutschland« (Sharon Dodua Otoo), die 27 Biographien Schwarzer Menschen in Deutschland über drei Jahrhunderte präsentiert; das Theaterprojekt »Vergessene Biografien« (Aischa Ahmed), in dem Berliner Jugendliche die Verfolgungsgeschichten türkischer Jüd_innen, Schwarzer und arabischer Menschen im Nationalsozialismus szenisch aufbereiteten; sowie den Dokumentenkoffer »GeschichteN teilen« (Franziska Ehricht), der Archivmaterial über bisher wenig beachtete Erfahrungen während des Nationalsozialismus für Bildungsarbeit zur Verfügung stellt.

Empowerment vs. Aufklärung?
Die Projekte wenden sich alle drei in erster Linie an Menschen of Color – und erzählen Geschichten of Color. Dennoch stellte sich in der Diskussion die Frage, ob die inhaltlichen Zielsetzungen nicht unterschiedlich sind. Denn während sich »Homestory Deutschland« als »kollektives Selbstporträt« der Schwarzen Community versteht und als Projekt der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland e.V. (ISD) aus dieser Community heraus entstand, wurden »Vergessene Biografien« und Dokumentenkoffer von Bildungsarbeiter_innen entwickelt, die als Weiße Personen »außerhalb« der Zielgruppen stehen. Ausgangspunkt war hier die Feststellung, dass die Vermittlung der Geschichte des Nationalsozialismus in einer interkulturellen Gesellschaft eine besondere Herausforderung darstelle, weil Jugendlichen of Color diese Geschichte häufig nicht als ihre angeboten werde. Aus Sicht einiger stand hier ein Identität und Selbstbewusstsein stärkender, »empowernder« Ansatz einem aufklärerischen Gestus gegenüber.

Aischa Ahmed betonte allerdings, dass im Laufe des Theater­projekts eine starke persönliche Auseinandersetzung der Jugendlichen mit jenen historischen Figuren, die sie darstellten, stattgefunden habe, die positive Identifikationen als Schwarze Deutsche oder Türkisch-Deutsche hervorgebracht habe. Auch hier also wurden die sonst verdeckten Geschichten als Vorbilder angeeignet. Franziska Ehricht wies zugleich darauf hin, dass nach ihrer Erfahrung Jugendliche sich nicht zwingend oder nur für solche Geschichten interessierten, die ihre Migrationsgeschichte spiegelten. Die Frage, für wen und vom wem Geschichte aufbereitet wird, wer für wen spricht, prägte also auch an diesem Abend die Diskussion.

 

Do. 29. November 2012, 18–20 Uhr
Wie Lernen und Erinnern im »Afrikanischen Viertel«
Mit Josephine Apraku, Afrikanisches Viertel e.V., und Christian Kopp, Berlin Postkolonial e.V.

Die letzte Begleitveranstaltung wurde von zwei Vertreter_innen von Nichtregierungsorganisationen gestaltet, die aktuell ein Konzept für die Arbeit am »Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel« erarbeiten. Sie stellten die von ihnen bestimmten Grundsätze vor, die sich an den Beschlüssen der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus von 2001 orientieren. Dazu gehörten:

  • Erinnerungsarbeit muss »polyzentrisch« stattfinden, also unter Berücksichtigung nicht allein von »kritischen« Perspektiven aus der Mehrheitsgesellschaft, sondern vor allem der Erzählungen der betroffenen Diasporen.
  • Die Beziehungen zwischen Schwarzer Community, NGOs und Bezirk müssen im Sinne dekolonisierter Beziehungen und Entscheidungsstrukturen gestaltet werden.
  • Im Gedenken muss eine Umkehr der Perspektive stattfinden, sprich: statt an Täter_innen des Kolonialismus soll an dessen Opfer und an Widerstand erinnert werden.
  • Informationen über die Geschichte des Viertels sollen auch außerhalb des Viertels zugänglich sein.
  • Lernen und Erinnern muss nachhaltig sein.

Josephine Apraku und Christian Kopp stellten diese Prinzipien zur Diskussion. Folgende Punkte fanden dabei besondere Beachtung:

Wie wichtig sind Straßenumbenennungen für den Lern- und Erinnerungsort?
Eine große Mehrheit der Anwesenden sprach sich dafür aus, die Einrichtung eines »Lern- und Erinnerungsorts Afrikanisches Viertel« mit der Umbenennung jener drei Straßen zu verbinden, die nach Kolonialisten benannt sind. Allerdings entspann sich eine Diskussion um die Frage, ob das Verschwinden rassistischer Begriffe aus dem Stadtbild (z.B. der „Mohrenstraße“ in Berlin-Mitte) nicht nachteilig sein könne, weil dadurch in Zukunft diese Begriffe vollständig verloren gehen könnten. Schwarze Teilnehmende wiesen mehrfach darauf hin, dass sie keinen Mehrwert darin erkennen würden, ein Wort beizubehalten, das ihre alltäglichen Ausgrenzungen reproduziere. Sie forderten außerdem vehement ein, dass bei Diskussionen, bei denen Schwarze und Weiße Personen zusammenkämen, achtsam mit unterschiedlichen Erfahrungsständen umgegangen werde.

Welche Rolle kann und soll Berlins Schwarze Community im Gesamtprozess übernehmen?
Mit anwesenden Mitgliedern jener Arbeitsgruppe, die die Arbeit des Bezirks am »Lern- und Erinnerungsort Afrika­nisches Viertel« begleitet, wurde diskutiert, inwiefern sich ein Verfahren festschreiben ließe, das die aktive Beteiligung der Schwarzen Community am Prozess gewährleisten würde. Hier wurden vor allem Möglichkeiten aufgezeigt und Fragen aufgeworfen: etwa in welcher personellen Stärke die Community beteiligt sein sollte; und dass ihre Befugnisse von beratend über stimmberechtigt bis hin zu vetoberechtigt denkbar seien.