Lesung – Berlin-Wedding
Der Verein war der Gegenentwurf zur dominierenden Obdachlosenhilfe kirchlicher Prägung. Er errichtete 1869 ein Frauenasyl und schaffte bis 1907 in der Weddinger »Wiesenburg« 1.100 Übernachtungsplätze für Frauen und Männer. Die Räume zeichneten sich durch modernsten hygienischen Standard aus. Die Wiesenburg wurde zum Vorbild für ähnliche Einrichtungen weit über Deutschland hinaus. Der Grundsatz: Obdachlose sind Menschen in Not, die Hilfe benötigen und ohne Vorbedingungen erhalten. Wesentlich war die strikte Anonymität im Asyl. Es ging nicht um christliche Agitation, Bevormundung, Kontrolle, Zwangsarbeit oder gar Bestrafung und »Besserung« der «Asylisten«. Die Gründer und Mitglieder des Asyl-Vereins (um 1900 4.000) kamen aus allen Schichten der Bevölkerung – vom Facharbeiter der AEG, über liberale Kaufleute, Ärzte, Wissenschaftler, Kommunalpolitiker; viele waren Sozialdemokaten und viele jüdischer Herkunft. Ihnen waren die Ursachen der Obdachlosigkeit – das sich in der Gründerzeit brachial durchsetzende kapitalistische Wirtschaftssystem – bewusst. Sie wollten die entstandene Not lindern. Paul Singer war neben vielen anderen im Vorstand eine herausragende Persönlichkeit und »Gesicht« des Vereins. August Bebel sprach in seinen Erinnerungen davon, dass Singer sich mit besonderer Liebe für den Verein einsetzte: Eher hätte er seine Abgeordnetenämter aufgegeben als sein Vorstandsamt im Asyl-Verein. Es wurden immer wieder Kampagnen gegen die Asyle – mit oft antisemitischem und antisozialdemokratischem Unterton – initiiert. Ziele der Gegner war die Schließung der Asyle und die Aufhebung der Anonymität.